Sächsischer Landeskontrollverband e.V.: Service

 

Wie kann Azidose vermieden werden?

Prof. Dr. Manfred Hoffmann
Fütterungsberater beim LKV Sachsen

Seit langem ist bekannt, dass unter bestimmten Fütterungsbedingungen bei Milchkühen Übersäuerungen im Pansen vorkommen, die auch als „saure Indigestionen“ bezeichnet werden. Sie führen bei stark abfallendem pH-Wert im Pansen zur Azidose, eine fütterungsbedingte Krankheit, die erhebliche Schäden verursachen kann und schon 1938 das erste Mal beschrieben wurde.

Kaum ist auf einem Gebiet der Wiederkäuerfütterung so viel geschrieben, empfohlen und verkauft worden - und trotzdem spielen azidotische Belastungen in vielen Milchviehherden immer wieder eine Rolle. Einschließlich der Folgeschäden kann durch die Azidose mit einer zusätzlichen Belastung (ohne Tierverlust) mit 1 – 3 € je 100 kg Milch gerechnet werden. Es soll versucht werden, die für die Praxis wichtigen Schwerpunkte zusammen zu fassen.

 

Die Abbildung 1 gibt eine Zusammenfassung der wichtigsten Störungen durch die Veränderung des Pansen-pH-Wertes. Bei pH-Werten im Pansensaft unter 5,5 finden wir die verschiedenen Formen der Pansenazidose, bei pH-Werten über 7,0 treten die verschiedenen Formen der Alkalose auf. Bedeutungsvoll für die Prophylaxe ist der Vorschlag von Staufenbiel (2011), den Begriff „Pansenfermentationsstörungen“ einzuführen. Pansenfermentations-störungen treten auf, bevor eine akute Azidose bzw. Alkalose festgestellt werden.

 

Abbildung 1:

 

Die Abbildung 2 zeigt, dass der auslösende Faktor immer eine ungenügende Strukturwirksamkeit der Ration ist. Seit Jahrzehnten wird immer wieder auf eine ausreichende Fasermenge und eine entsprechende Partikelgrößenverteilung (u.a. Häcksellänge) in Wiederkäuerrationen hingewiesen. Die Funktionen der Wiederkauaktivität + Speichelbildung mit Na-hydogenkarbonat als Pansenpuffer, die Ausbildung der Schwimmdecke im Pansen und die Gewährleistung der Pansenmobilität sind die auslösenden Faktoren, die eine optimale Pansenfunktion gewährleisten. Werden die Mengen strukturwirksamer Substanzen je Tier und Tag unterschritten, weichen Fermentation und Regulierungsfähigkeit des Pansens von der erforderlichen Norm ab. Werden unter diesen Bedingungen „saure Elemente“ in großer Menge zugefüttert, kommt es zu einer azidotischen Auslenkung, werden übermäßig viel alkalisch wirkende Faktoren verabreicht, tritt eine alkalotische Belastung auf. Wichtig ist die Feststellung, dass die Fermentationsstörung durchaus nicht immer zu einer Azidose führen muss, wie es oft angenommen wird.

 

Abbildung 2:

 

Die Zusammenstellung (Tabelle 1) zeigt eine Zusammenfassung der vielfältigen Störungen.

An der Aussage von Staufenbiel (2011) hat sich nicht viel geändert, dass wir z. Zt. keine sicheren Parameter haben, um eine Pansenfermentationsstörung eindeutig zu charakterisieren. Das Vorgehen kann nur in einer intensiven Erfassung der in der Tabelle 1 genannten Erscheinungen bestehen, verbunden mit einer exakten Erfassung der Futteraufnahme und einer sachgemäßen Rationsberechnung. Gefestigt wird das Ergebnis durch die Untersuchung der Gesamt- bzw. Teilmischration.

Dass dieses Vorgehen nicht von allen Betrieben beherrscht wird, ist die Ursache dafür, dass aus veterinärmedizinischer Statistik zu entnehmen ist, dass zwischen 15 und 30 % der Tiere, besonders in der Frühlaktation und im Hochleistungsbereich an Azidose leiden.

Tabelle 1:

 

 

Um die Azidose zu erkennen, eignen sich als erstes Diagnosemittel Inhaltsstoffe der Milch und im Harn (siehe Tabelle 2).

 

Tabelle 2

 

 

Im Zusammenhang mit dem Leistungsniveau der Herden, spielen energiereiche Futtermittel eine große Rolle. Hier stehen die Getreidearten als Konzentrate und verschiedene Maisprodukte, sowohl Maiskörner als auch Maissilagen, im Vordergrund. Aus der Darstellung „Ursachen der Pansenfermentationsstörungen“ war zu ersehen, dass eine ungenügende Strukturwirksamkeit in Verbindung mit einer überhöhten Versorgung mit leicht fermentierbaren Kohlenhydraten die wichtigste Ursache für das Auftreten einer Pansenazidose sind.

 

Zur Versorgung mit strukturwirksamen Fasern soll nur noch einmal festgestellt werden, dass eine Kuh mit 650 kg Körpermasse 2600g strukturwirksame Rohfaser oder 2800g strukturwirksame Säure-Detergentien-Faser (ADF) oder 6500-7500g NDF/Tag benötigt, unabhängig von ihrer Leistung und ihrem Reproduktionsstadium. Von dieser Menge sollen 10 – 15 % über 19 mm und weniger als 10 % kleiner als 1,2 mm sein. Diese Anforderung ist durch Grobfutter zu realisieren. Deshalb beginnt auch jede Rationsberechnung mit dem Einsatz der verfügbaren Grobfutter (Grünfutter, Silagen, Stroh).

Erst nach Erfüllung dieser Bedingungen können die Konzentrate zugelegt werden. Dabei ist bei separater Verabreichung von Konzentraten und Anwendung von Teilmischrationen (z.B. bei Anwendung von Melkrobotern) der „Verdrängungswert“ zu berücksichtigen, der angibt, wie viel Grobfuttertrockensubstanz durch Konzentrat aus der Ration „verdrängt“ wird.

 

Sowohl die Stärke in den Konzentraten als auch die Zellulose in den Grobfuttermitteln sind sogenannte Polysaccharide. Sie bestehen aus langen Ketten miteinander verbundener Glukosemoleküle. Während die Glukose in der Zellulose über ß-gluko-sidische Verbindungen verknüpft ist, die nur durch Enzyme der Pansenbakterien abgebaut werden können, sind die Glukosemoleküle der Stärke α-glukosiodisch verbunden und können durch Bakterienenzyme und körpereigene Enzyme die Glukose freisetzen. Der überwiegende Teil der Kohlenhydrate wird im Pansen in flüchtige Fettsäuren (Essigsäure, Propionsäure, Buttersäure) umgewandelt, die durch die Pansenwand resorbiert werden, während CO2, CH4 und H2 gasförmig ausgeschieden werden.

 

Die Stärke hat die Besonderheit, dass ein Teil so beschaffen ist, dass er nicht im Pansen abgebaut wird und als beständige Stärke (Durchflussstärke) im Dünndarm direkt Glukose zur Resorption liefert.

Die Beständigkeit der Stärke kann im Labor mit einem in vitro Test auf Basis von Pansensaft bestimmt werden (7h in vitro Verdaulichkeit).

Die Stärke aus den Getreidearten hat einen Anteil von 10 – 15 % beständige Stärke. Die Maisprodukte zeigen große Unterschiede, wie die Tabelle 3 zeigt.

 

Danach zeichnet sich besonders der getrocknete Körnermais durch einen hohen Anteil an beständiger Stärke aus. Ähnlich hohe Werte zeigen nur noch die Kartoffeln und einige Kolbenhirsearten. Der Einsatz dieser Futtermittel bringt folgende Vorteile:

 

Ø  Es wird weniger Säure im Pansen gebildet und der pH-Wert sinkt weniger stark ab.

Ø  Die futtermittelspezifische Restriktion liegt für Getreide (ohne Mais) bei 4 kg je Tier und Tag, jedoch kann diese Menge mit, meist ohne Bedenken 2-3 Kilo erweitert werden.

Ø  Wie aus der Durchflussstärke im Dünndarm resorbiert Glukose bringt 30-40 % mehr Energie als die über die Fermentation und Glukoseneubildung gebildete Glukose. Bei der Fermentation der Stärke im Pansen liefert 1 kg Stärke etwa 150 g Propionsäure, aus der im Intermediärstoffwechsel etwa 400 g Glukose gebildet werden.

 

Tabelle 3

 

 

Beachtenswert ist auch die Abbaugeschwindigkeit der Kohlenhydrate (angelehnt an Bertoch,1998), so werden die löslichen Zucker in 12 – 15 Minuten, die Stärke und Fruktane in 2 – 5 Stunden, die Hemizellulosen in 8 – 24 Stunden und die Zellulose in
1 – 4 Tagen abgebaut. Untersuchungen zeigen, dass die Verdauungskapazität des Dünndarmes für Stärke begrenzt ist und bei Überschreiten dieser Grenze die Verdaulichkeit der Gesamtstärke absinkt. Untersuchungen von Flachowsky, Mathe u.a., 2000 zeigten, dass bei einer Stärkemenge am Dünndarm von 500g/Tier und Tag die Gesamtverdaulichkeit der Stärke 90% beträgt, bei 1000g 72%, bei 1500g 60% und bei 1800g nur noch 50%. Diese Ergebnisse wurden bei der Festlegung von Grenzwerten berücksichtigt.

 

Alle Gesichtspunkte zur bedarfsgerechten Versorgung der Milchkühe mit leichtfermentierbaren Kohlenhydraten und unter Berücksichtigung der Vermeidung azidotischer Belastungen werden durch die Bedarfszahlen und Grenzwerte widergespiegelt (Tabelle 4).

 

Tabelle 4

 

 

Die konsequente Anwendung dieser Kennzahlen bei der Rationsgestaltung und Berechnung von Rationen in Verbindung mit einer strengen Kontrolle der Futterverabreichung geben die Gewähr, dass bei effektivem Futtereinsatz optimale Leistungen mit gesunden Tieren erzielt werden können.

 

Fazit

Die Vermeidung azidotischer Belastungen und der Azidose erfordert eine ausreichende Strukturwirksamkeit der Ration und die Einhaltung bedarfsorientierter Kennzahlen und Grenzwerte für den Einsatz leicht fermentierbarer Kohlenhydrate (Stärke, Fruktane, Zucker).  Bedeutungsvoll für die ausreichende Energie- und Glukoseversorgung ist die Berücksichtigung des Anteils beständiger Stärke in der Ration.

 

Stand: Januar 2021

 

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