Der Fütterungsberater

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Pferd

Graukresse-Vergiftung beim Pferd

Die Graukresse (Berteroa incana) ist ein aus Asien stammender Kreuzblütler und kam in den letzten Jahrzehnten vor allem in Nordamerika vor. Sie wird erst in den letzten 10-15 Jahren vermehrt auch in Deutschland beobachtet. Die komplette Pflanze erscheint grau-grün und besitzt eine Art Filz, die sie vor Austrocknung schützt. Meist ist die weißblühende, ca. 50cm hohe Graukresse auf Brachland, an Wegesrändern oder Bahndämmen anzutreffen. Sie ist eine Pionierpflanze, bevorzugt sandige Böden und besiedelt vor allem offene Grasnarben und lückige Grünlandflächen. Verwechslungsgefahr besteht insbesondere mit dem ungiftigen Hirtentäschelkraut. In diesem Zusammenhang ist jedoch zu bemerken, dass dieses sehr viel eher blüht als die Graukresse. Meist sind vom Hirtentäschel schon keine Blütenstände mehr zu sehen, wenn die Graukresse in voller Blüte steht.

Charakteristisch ist der Blütenstand. Dieser besteht jeweils aus vier einzelnen Blütenblättern (blaue Pfeile), von denen jedes einzelne mittig eingekerbt ist (roter Pfeil). Der komplette Blütenpüschel hat in etwa den Durchmesser eines 50-Cent-Stückes. Unter dem Blütenstand befinden sich die Samenschoten, die von Juni bis September ausgebildet werden. Eine einzelne Schote enthält bis zu 7000 Samen.

Quelle: Shutterstock

Giftigkeit

Bisher sind Vergiftungssymptome nur bei Pferden beschrieben. Neben den enthaltenen Senfölglykosiden sind die toxischen Inhaltsstoffe dabei noch nicht genauer definiert, eine Beteiligung von Alkaloiden am Vergiftungsgeschehen wird jedoch diskutiert.

Pferde, die ein Heu mit 30% Graukresseanteil aufnahmen, zeigten im Zeitraum von 12 Stunden bis wenigen Tagen nach der Aufnahme Fieber sowie Schwellungen und Ödeme der distalen Gliedmaßen. Die Tiere bewegten sich nur ungern, es kam zu Lahmheiten und einem steifen Gang. Dieser Symptomkomplex kann mit der „klassischen“ Hufrehe verwechselt werden, da auch eine starke Arterienpulsation in den distalen Gliedmaßen sowie eine verstärkte Wärmebildung am Kronsaum beobachtet werden konnte (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/1644648/). Die Tiere waren teilnahmslos und verweigerten ihr Futter. Charakteristische Veränderungen im Blutbild oder in der Blutchemie sind bislang nicht bekannt. Bei tragenden Stuten kann es in der Spätträchtigkeit zu Todgeburten kommen (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8434451/).

Bei starken Vergiftungserscheinungen infolge einer sehr hohen Graukresseaufnahme beschleunigten sich Atmung und Puls (Tachypnoe und Tachykardie) und die Pferde zeigten Fieber sowie mitunter Blutbeimengungen in Harn und Kot. Ebenfalls sind Todesfälle im Zeitraum von einem bis zwei Tagen nach Giftpflanzenaufnahme beschrieben.

In frischem Zustand schmeckt die Pflanze für Pferde unangenehm kohlartig und wird daher auf Freiflächen meist gemieden. Lediglich von unerfahrenen Jungtieren oder bei starker Futterknappheit wird sie aufgenommen. In getrockneten Zustand verliert sie jedoch ihren charakteristischen Geschmack und wird daher im Heu kaum selektiert.

Der Verdacht auf eine Graukresse-Intoxikation ist vor allem dann geboten, wenn in einem Bestand plötzlich auffällig viele Tiere ein Hufrehesymptomatik zeigen und hierbei auch vermehrt Tiere betroffen sind, die eher nicht zu den typischen Rehekandidaten (EMS-Patienten) gehören.

Maßnahmen bei Graukresse-Vorkommen auf dem Grünland

Findet man nur vereinzelte Pflanzen vor, ist Ausreißen (mit Wurzelballen!) eine kurzfristige Lösung. Zudem können zur Bekämpfung geeignete Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen. Allerdings sollten auch die absterbenden oder verwelkten Pflanzenteile nicht verfüttert werden, da diese ihre Giftigkeit behalten. Zur langfristigen Bekämpfung ist es ratsam, im Juni zu mulchen, um ein Überdauern der Samen im Boden zu verhindern. Eine dichte Grasnarbe mit trockentoleranten Grasarten, z.B. Wiesenliesch- oder Knaulgras, bietet zudem einen guten Schutz vor Graukresse.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass das Vorkommen von Graukresse in diesem Frühjahr ungewöhnlich hoch ist. Vor allem auf sandigen Böden erstrecken sich ganze Felder dieser weißblühenden Pflanzen. Meist wachsen diese nesterartig, so dass die Verteilung in einzelnen Ballen einer Heucharge mitunter sehr divergent sein kann. Dies ist besonders für eine repräsentative Probenahme von Bedeutung. Fallen in einem Stall vermehrt untypische Rehefälle auf, sollten daher unbedingt mehrere Ballen beprobt werden und möglichst viele Einzelproben aus den einzelnen Heuballen entnommen werden.

Bei Verdacht einer Kontamination der verfütterten Heucharge ist daher eine botanische Untersuchung des Heus zwingend erforderlich. Eine solche können Sie im Futtermittellabor der LKS durchführen lassen.

 

Stand: Mai 2021

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