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Der Fütterungsberater

Ein Blog zu Futtermittelanalytik, Tiergesundheit, Fütterung und Diätetik.

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Schwein

Lösungsstrategien zur Mast von Ebern

Aufgrund der Tatsache, dass die betäubungslose Ferkelkastration seit 2021 in Deutschland verboten ist, rückt seitdem das Thema „Ebermast“ wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und könnte auch für viele Mastbetriebe von Relevanz sein. Die Ebermast bringt neben dem Verzicht der Kastration Vorteile wie erhöhte Schlachtgewichte, einen erhöhten Magerfleischanteil und somit letztendlich erhöhte Auszahlungspreise für den Schlachtkörper mit sich. Nachteilig ist das mit steigendem Alter der Tiere zunehmende Aggressionsverhalten untereinander zu sehen sowie die Tatsache, dass der beim Erhitzen des Fleisches typische „Ebergeruch“ von einigen Verbrauchern als äußerst unangenehm wahrgenommen wird (ca. 30-40 % der Gesamtbevölkerung) und solches Fleisch im Handel daher evtl. gemieden wird.

Der Ebergeruch wird durch die beiden Leitstoff Androstenon und Skatol bestimmt. Während die Konzentration des Geschlechtshormons Androstenon nicht beeinflusst werden kann und als einzige Möglichkeit einer Reduzierung die frühzeitige Schlachtung vor Eintritt der Geschlechtsreife ist (Schlachtkörper mit Androstenongehalten über 1,0 µg sind als genussuntauglich zu erklären und müssen nach EG VO 854/2004 als K2-Material eingestuft werden), lässt sich der Skatolgehalt des Schlachtkörpers durch Fütterungsmaßnahmen reduzieren.

Skatol (3-Methyl-Indol) entsteht im Dickdarm, indem die Aminosäure Tryptophan (Trp) dort mikrobiell abgebaut wird. Hierbei handelt es sich jedoch nicht durch mit der Nahrung aufgenommenes Tryptophan, sondern um solches, welches durch den Untergang von Epithelzellen der Dickdarmschleimhaut frei wird. Werden präbiotisch wirksame Substanzen gefüttert, stehen diese der mikrobiellen Fermentation im Dickdarm zur Verfügung. Dadurch entstehen die kurzkettigen Fettsäuren Butyrat und Propionat, welche zum einen einen zytoprotektiven Effekt haben (geringere Apoptoserate der Epithelzellen und somit geringere Trp-Freisetzung), zum anderen das Darmmikrobiom umstellen (höhere Gesamtanzahl und Aktivitäten grampositiver Bakterien) und somit die Umsetzung vorhandener Substrate verändern. Zum Einsatz kamen in Studien hierzu z.B. Inulin oder rohe Kartoffelstärke. Ein Einsatz rohfaserliefernder Komponenten wie Trockenschnitzel oder Sojabohnenschalen brachte hingegen keine signifikanten Effekte. In der Regel genügt eine Umstellung der Fütterung bzw. Supplementierung der o.g. präbiotisch wirksamen Substanzen drei Wochen vor der geplanten Schlachtung, um einen Effekt zu erzielen. Dies ist auch in der Hinsicht von Vorteil, da Inulin oder rohe Kartoffelstärke in Mengenanteilen von bis zu 10% der Gesamtration gefüttert werden müssen, um einen Wirkeffekt zu erzielen. Da diese nicht körpereigen verdaubar sind, würde dies sonst im Laufe der Mast zu deutlich erniedrigten Energiegehalten in der Ration und somit niedrigeren Masttagszunahmen führen. In Hinblick auf den Skatolgehalt sollte zudem darauf geachtet werden, dass der Kot der Tiere ausreichend feucht, dabei jedoch nicht klebrig ist und so gut durch den Spaltenboden hindurchgetreten werden kann. Der Kot von Ebern enthält ebenfalls Skatol und setzt dieses bei längerer Verweildauer in den Haltungsbuchten frei. Die Tiere nehmen Skatol über die Lunge auf und somit lagert sich dieser ebenso im Fettgewebe ein wie bei Resorption über die Darmwand. Somit sollte auch auf eine ausreichende Wasserversorgung und ausreichend hohe Durchflussraten in den Tränken geachtet werden.

Es sei jedoch nochmals erwähnt, dass diese Fütterungsmaßnahmen nur auf die Reduzierung des Skatolgehaltes abzielen und keinen Einfluss auf die Androstenonkonzentrationen des Schlachtkörpers haben. Diese lassen sich nur durch eine frühzeitige Schlachtung reduzieren, was aus Tierschutzsicht ebenfalls zu empfehlen ist, da es mit zunehmendem Alter innerhalb der Ebergruppen zu verstärkt aggressivem Verhalten mit Verletzungen (und somit letztendlich auch wieder zu Preisabzügen auf den Schlachtkörper) kommen kann. Ein Lösungsansatz hierfür ist die „chemische Kastration“ (Immunokastration) mit dem Impfstoff Improvac®. Dieser enthält ein Analogon des Gonatadotropin-Releasing-Faktors (GnRF), welcher den Organismus stimuliert, Antikörper gegen das körpereigene Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) zu bilden. Dieses Hormon ist Teil des männlichen Sexualhormonsystems und somit kommt es bei Hemmung dessen zu einer Hemmung der Hodenfunktionalität und Freisetzung von Androstenon. Außerdem wird zeitgleich ebenfalls eine Reduktion der Skatolkonzentrationen im Darm beobachtet (effektivere Metabolisierung durch die Leber). Die Tiere zeigen auch weniger sexuell bedingte Aggressionen, es kommt zu weniger Rangkämpfen und Verletzungen innerhalb der Gruppe. Für einen ausreichenden Wirkungseintritt sind zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen notwendig. Die zweite Impfung sollte hierbei in einem Abstand von vier bis sechs Wochen vor der Schlachtung erfolgen, da die Wirkung mit der Zeit wieder nachlässt. Die Wartezeit beträgt null Tage, da das Fleisch behandelter Tiere von der Antikörperwirkung unbeeinträchtigt bleibt. Es sei hiermit erwähnt, dass die Behandlung keine – wie oft in den Medien zu lesenden – Hormonbehandlung ist! Die Impfung erfolgt auf der Basis einer Antikörperreaktion, wie sie bei anderen Impfstoffen üblich ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Hinblick auf die Ebermast der Immunokastration ein größerer Nutzen als rein fütterungstechnischen Maßnahmen zugesprochen werden kann. Idealerweise können beiden Konzepte miteinander kombiniert werden.

 

Stand: Mai 2022

 

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