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Rind

Interview Prof. Dr. Manfred Hoffman mit dlz agrarheute Rind (online)

In diesem Blogartikel beantwortet Herr Prof Dr. Manfred Hoffmann folgende Fragen:

Wie hat sich die Wiederkäuerfütterung in den letzten 60 - 70 Jahren verändert?
Was war Ihrer Meinung nach die größte positive Veränderung in diesem Zeitraum?
Welches Thema hat Sie während Ihrer Laufbahn besonders umgetrieben und warum?

 

 

 

 

 

Wie hat sich die Wiederkäuerfütterung in den letzten 60 - 70 Jahren verändert?

In diesem Zeitraum hat sich die Milchleistung der Kuhbestände mehr als verdoppelt und entsprechend passten sich die standortspezifischen Rationen an.

In den Jahren um 1950/1960 war die Basis der Fütterung im Winter Heu/Stroh + Rüben (Futterrüben, Wrucken u.a.) + Spreu, in einigen Betrieben wurde Zuckerrübenblattsilage gefüttert. In der Sommerfütterung wurde Weide genutzt, aber in den meisten Betrieben war die Fütterung von Grünfutter im Stall die Grundlage. Ein gekonnter Futteranbau garantierte mit einer Vielzahl von Futterarten die Versorgung von April bis in den November hinein mit Frischfutter.

In den 60ziger Jahren begannen die Bestrebungen Heu durch Grassilage zu ersetzen. Mit Ausgang der 60ziger Jahre wurde der Mais, der bis dahin ausschließlich als Körnermais zum Einsatz kam, als Silage in die Rationen der Milchkühe eingeführt. In der überwiegenden Zahl der Betriebe, auch in den im Osten Deutschlands entstandenen Großbetrieben, wurde in den Rationen im Sommer Grünfutter, regional auch als Weide genutzt und eine bestimmte Menge Mais (etwa 15 kg) als stabile Komponente zugefüttert. Seit über drei Jahrzehnten ist der bestimmende Rationstyp in nahezu allen Regionen Deutschlands die ganzjährige Silagefütterung mit hohem Konzentrateinsatz. Die Weidehaltung ist erheblich zurückgegangen und der Einsatz von Grünfutter wird in nur wenigen Betrieben praktiziert, Maissilage dominiert ganzjährig. Die Fütterung der Rinder ist „monolithisch“ geworden.

In Anbetracht der veränderten Klima- und Witterungseinflüsse ist eine gewisse Kehrtwende bei den Rationstypen notwendig. Sie ist durch einen verstärkten Grünfuttereinsatz in modernen Laufställen bzw. auf der Weide gekennzeichnet. Dabei ist die Vielfalt der Grünfutterarten zur Standortanpassung (Trockenheit, Wasserverfügbarkeit u.a.,) zu nutzen. Maissilage wird stabile Komponente bleiben. Der Grassilageeinsatz in den Winterrationen kann teilweise durch die Trocknung von Grünfutter mit modernen computergesteuerten Trocknungsverfahren (unter Dach, mit Entfeuchter und Biogasabwärme als Energiequelle) risikosicherer gemacht werden.

 

Was war Ihrer Meinung nach die größte positive Veränderung in diesem Zeitraum?

Hier wären die vielen internationalen und nationalen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu nennen, die in den letzten Jahrzehnten von der Tierernährung und den angrenzenden Gebieten erarbeitet wurden. Sie ermöglichen eine immer bessere Anpassung an den Energie- und Nährstoffbedarf, einschließlich der Mengen- und Spurenelemente, Vitamine und weiterer essentieller Stoffgruppen.

Von allergrößter Bedeutung halte ich die Anwendung des Computers und die Fortschritte der Digitalisierung. Ich erinnere an die „lineare Optimierung“ in den 80ziger Jahren zur Erstellung optimierter Rezepturen auf der Grundlage der exakten Bedarfsnormen. Besonders die Fortschritte der letzten Jahrzehnte ermöglichen es, sowohl bei den Bedarfsnormen als auch bei den Futtermitteln die ganze Vielzahl der vorliegenden Daten direkt für die praktische Fütterung nutzbar zu machen.

 Eine entscheidende Wende in der praktischen Fütterung der Rinder wurde durch die Anwendung der Gesamtmischration (auch als Totalmischration - TMR bezeichnet) anstelle der Portionsfütterung erreicht. Als 1969 der erste Kuhstall für nahezu 2000 Tiere mit Gesamtmischrationen (Dosierer und Bandfütterung) seine Arbeit in Dedelow (Mecklenburg) aufnahm, begann eine neue Ära, die auch die Tierernährungswissenschaft herausforderte. Es sei nur an die Strukturwirksamkeit in den Mischrationen gedacht und an die Optimierung von Rationen für Leistungsgruppen. Durch die Einführung des Mischwagens in den 90ziger Jahren wurde diese mobile Variante zur üblichen Futterdarbietungsform in der Rinderfütterung und ist im Prinzip derzeitig von nichts übertroffen.

 

Welches Thema hat Sie während Ihrer Laufbahn besonders umgetrieben und warum?

In den über 65 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit (ich habe 1957 das Diplom gemacht und 1961 in Rostock promoviert) haben mich drei „Gebiete“ der Tierernährung nicht losgelassen.

Das war einmal das ß-Carotin, über das ich die Dissertation schrieb. Ich hatte das Glück, die ganze Entwicklung dieses sekundären Pflanzeninhaltsstoffes von seiner ursprünglichen Bedeutung als Vorstufe des Vitamin A, seiner besonderen Rolle bei der Fruchtbarkeit der Rinder und besonders in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnisse zur Bedeutung als Antioxidans, zusammen mit Vitamin E und Selen,  zu erleben. Hieraus entwickelte sich auch mein besonderes Interesse für den „oxidativen Stress“ und seiner Rolle in der praktischen Fütterung.

Ausgehend von der Anwendung von Gesamtmischrationen haben wir ab etwa 1970 in Leipzig in Zusammenarbeit mit Prof. Piatkowski (Dummerstorf) die Anforderungen an die Strukturwirksamkeit von Milchviehrationen intensiv bearbeitet. Das System der „strukturwirksamen Rohfaser“ (manchmal liest man auch „strukturierte Rohfaser“, was dann von Unkenntnis zeugt) wurde und wird in vielen Betrieben angewendet. Zusammen mit Prof. Steinhöfel von der Sächsischen Landesanstalt und Dr. Richardt vom LKV Sachsen haben wir das System um die Säure-Detergentien-Faser erweitert und sehen nach wie vor darin ein geschlossenes System zur praktischen Anwendung.

Und schließlich hat mich die Nutzung von Harnstoff, zuerst als Amidschnitzel (industriell hergestelltes Produkt aus Trockenschnitzel und Harnstoff), die Verwendung von Harnstoff in Strohkonzentrat-Gemischen und schließlich ganz allgemein die Anwendung von Harnstoff in maissilagebetonten Rationen bis heute beschäftigt.

Die faszinierenden Leistungen der Wiederkäuer mit Ihrer Mikroflora und -fauna im Pansen, die Zellulose und NPN-Verbindungen zu Milch und Fleisch umzusetzen, halte ich für einen wesentlichen Faktor zur Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung.   

 

(nach einer Veröffentlichung in dlz – agrarheute Rind (Online) Interview Mai 2023)

 

Stand: Juni 2023

 

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