Maßnahmen zur Senkung des Risikos der Labmagenverlagerung
Die Labmagenverlagerung (LMV) stellt in vielen Betrieben ein wirtschaftliches wie auch die Tiergesundheit betreffendes Problem dar. Durchschnittlich erkranken zwischen 5-10 % der Tiere, in Problembetrieben aber teilweise auch bis zu 25% aller Tiere in den ersten vier Wochen nach der Abkalbung. Unterschieden wird hierbei zwischen der links- und der rechtsseitigen LMV, wobei die linksseitige LMV häufiger vorkommt und durch ein typisches metallisches „Klingeln“ bei der Auskultation der linken Bauchseite hörbar ist. Die Verlagerung hat ihre Gründe zumeist in einer Motilitäts- und Entleerungsstörung, was zu einer verstärkten Gasanasammlung im Labmagen führt. Diese in Kombination mit mechanischen Einflüssen führt in ca. 80% der Fälle zur Verlagerung des Labmagens nach links zwischen Pansen und Bauchwand oder – in selteneren Fällen - nach rechts vor die Leber, wobei es hier häufig zu weiteren akuten Symptomen wie einer Torsion mit Ileussymptomatik kommen kann.
Pathophysiologisch ist immer eine vermehrte Gasansammlung in Verbindung mit einer verminderten Motilität der Labmagenwand ursächlich für die LMV. Durch die verstärkte Gasbildung kommt es zur Neigung des Labmagens „aufzusteigen“, also seine physiologische Position zu verlassen. Zusätzlich dazu führen eine verminderte Motilität dazu, dass diese Gasansammlungen nicht Richtung Dünndarm weitertransportiert werden, sondern im Labmagen verbleiben.
Für die Entstehung dieser Fehlfunktion kommen verschiedene Gründe infrage: ursächlich werden zum einen Fütterungsfehler genannt. So begünstigt eine Ration mit geringer Strukturwirksamkeit das Entstehen der LMV. Wird wenig strukturwirksames Grobfutter und im Gegenzug viel Kraftfutter gefüttert, entstehen große Mengen flüchtiger Fettsäuren. Diese bedingen eine Hypotonie (= verringerte Motilität) des Labmagens sowie führen zu eventuellen Nachgärungen im Labmagen, welche wiederum mit verstärkter Gasbildung einhergehen. Eine entscheidende Rolle spielt auch die Transitfütterung. So sollten abrupte Futterwechsel vermieden werden. In der Trockensteh- bzw. Vorbereitungsfütterung sollte daher sowohl in qualitativer wie auch quantitativer Sicht eine langsame Gewöhnung an die Laktationsration stattfinden.
In diesem Zusammenhang sollte auch der Kuhtrunk, der unmittelbar nach der Kalbung dem Muttertier angeboten wird, positiv erwähnt werden. Die Kühe nehmen hiermit bis zu 50 Liter Flüssigkeit auf, die neben einer Stabilisierung des Wasserhaushalts einen wichtigen Beitrag zur Energie- und Elektrolytversorgung leistet. Somit werden Erkrankungen, die oftmals mit der LMV in Zusammenhang gebracht werden – z.B. Ketose – vorgebeugt. Zudem wird allein durch die räumliche Volumenausdehnung des Pansens hier dem Labmagen der Platz genommen, sich unphysiologisch zu verlagern. Denn wurde der Labmagen ante partum durch den raumeinnehmenden Uterus und einen gut gefüllten Pansen in seiner Position gehalten, erhält er post partum häufig durch den plötzlich leeren Uterus und eine reduzierte Pansenfüllung zu viel freien Spielraum in der Bauchhöhle.
Oftmals wird eine LMV bei Kühen beobachtet, die parallel dazu unter einer Gebärparese (Hypocalcämie/ Milchfieber) leiden. Der zu niedrige Calciumspiegel im Blut führt zu einer reduzierten Kontraktionsfähigkeit der glatten Muskulatur, wodurch die bereits beschriebene Atonie der Labmagenwand einher geht. In diesem Zusammenhang sei auf die diätetischen Konzepte zur Gebärpareseprophylaxe verwiesen (<link www.lkvsachsen.de/fuetterungsberater/blogbeitrag/artikel/fuetterungsmassnahmen-zur-prophylaxe-des-festliegens-bei-milchkuehen/ - link-page>Ca-reduzierte Vorbereiterfütterung oder Fütterung mit erniedrigter DCAB</link>).
Neben diesen Fütterungsaspekten sollten auch weitere exogene Einflussfaktoren beachtet werden, die die Entstehung der LMV begünstigen können: Bewegungsmangel, Stress, mangelnder Kuhkomfort und Geburtsprobleme. Diese Faktoren gilt es zu optimieren.
In zahlreichen Studien konnte außerdem ein erblicher Zusammenhang das Gen „Motilin“ betreffend, nachgewiesen werden (<link pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22536407/ - link-url>https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22536407/</link>). Vor allem großrahmige Kühe sind hierbei mit einer linksseitigen LMV betroffen. In diesem Zusammenhang sei auf einen Gentest hingewiesen, der für diese Zwecke zur Verfügung steht. Aus Kostengründen ist es sicherlich nicht sinnvoll, jede Milchkuh zu testen. Bei Zuchtbullen macht dieser Test aber durchaus Sinn.

Stand: Dezember 2021


